| |
Mathe-Treff: Magazin - Mathematik und Buch
Herget & Jahnke & Kroll: Produktive Aufgaben für den Mathematikunterricht der Sek I
erschienen bei Cornelsen, Berlin 2001
Es handelt sich um eine Sammlung von 110 kopierfertigen Aufgaben (Kopieren
nicht nur genehmigt, sondern auch erwünscht; auch als CD-ROM-Version vorhanden)
mit Hintergründen aus verschiedensten Bereichen der Mathematik und einem
Anhang, der schulstufenbezogene Tipps zu möglichen Lösungsverfahren enthält.
Im Vorwort erläutert einer der Autoren nicht nur diese "produktiven
Aufgaben", sondern grenzt sie auch gegen einen an sich interessant
wirkenden Aufgabentyp ab, der sich als zu ergebnisorientiert erwiesen hat und
mit dem er "Schiffbruch" beim Einsatz im Unterricht erlitten hat.
Diese Äußerung ist an sich schon bemerkenswert und weckt Sympathie: Wer
könnte nicht aus eigener Unterrichtserfahrung etwas dazu beisteuern? Und sie
macht neugierig auf die Absichten der Autoren, an der Veränderung und
Verbesserung von Unterricht mitzuwirken. In unseren Breiten wird doch leider
viel zu selten konstatiert, wo und wann man eine Pleite im Unterricht erfahren
und wie man daraus welche Lehren gezogen hat.
Die Anforderungen an "produktive Aufgaben" werden im Vorwort
formuliert: Sie sollen
- sich auf die Lernenden einlassen ("Authentizität"),
- Schüler zum Probieren und Handeln/ sachbezogenen Kommunizieren anregen,
- schulstufenbezogen sachlich und für die Schülerinnen und Schüler inner-
oder außer-mathematisch fachlich relevant sein,
- in ihrer Anlage offen sein gegenüber enger Verfahrens- oder
Ergebnisorientierung, also nicht nur verschiedene "richtige"
Problemlösungszugänge zulassen, sondern auch verschiedene gültige
Lösungen haben,
- damit zwangsläufig komplex sein, müssen zwar in der Nähe des
curricularen Stoffs angesiedelt sein, aber in diesen hineinführen,
- eine bestimmte Stundenstruktur unterstützen, die als Möglichkeit
verstanden und idealtypisch mit "Exposition-Schülerarbeit-Klassengespräch-Regularisierung"
umrissen wird,
- als "Aufforderung zu schriftlichem Denken" verstanden werden,
- die Strategie "eine Frage viele Wege viele
Antworten" ermöglichen (dazu gehört auch "mehr überlegen
weniger rechnen").
Die "produktiven Aufgaben" stehen damit in der Nachfolge
sogenannter Fermi-Aufgaben (Enrico Fermi, 1901-1954) : "Wie viele
Klavierstimmer gibt es in Chicago?" / "Wie viele Haare hat der Mensch
auf dem Kopf?" / "Wie viele Luftballons passen in unseren
Klassenraum?" / "Wie viel Papier verbraucht unsere Schule pro
Woche?"
Wichtig für den erfolgreichen Einsatz im Unterricht oder in einer
Arbeitsgemeinschaft ist, dass Aufgaben - passend ausgewählt - zum Nachdenken
verführen und Mut machen zum selbständigen Verfolgen einer Spur, aus der sich
eine Lösungsidee entwickelt; dass sie Vergnügen bereiten und anregen, eine
eigene Lösung zu finden. Geeignete Aufgaben führen zum selbständigen
Argumentieren und zum Zuhören beim Vorstellen anderer Lösungen im
Klassengespräch.
Die teilweise kurios bebilderten Aufgabenblätter kommen vermutlich den
Interessen vieler Schülerinnen und Schüler nach, fordern sie jedoch in
Bereichen, die im internationalen Vergleich zu kurz kommen. Und das ist
wesentlich. Der Text ist ausreichend, aber knapp gehalten. Das Wesentliche ist
dabei die Schülerarbeit. Solche Aufgaben lassen sich nicht nur in monatlichen
Intervallen im Mathematikunterricht einsetzen, sondern auch in
Vertretungsstunden, die nach guter vorhergehender Absprache eine Einbindung in
den Fachunterricht zulassen. Ich selbst verwende sie auch erfolgreich in einer
jahrgangstufenüberschreitenden Arbeitsgemeinschaft.
Folgende Sachgebiete werden in den Aufgaben angesprochen: Messen, Schätzen,
Rechnen; Zahlen und Zahlverständnis; geometrische Figuren; Daten darstellen und
analysieren; Funktionen und Graphen; Terme aufstellen und umformen;
"Probieren und Studieren". Ein detailliertes Stichwörterverzeichnis
zu Begriffen der sachlichen Einordnung und fachlicher Hintergründe hilft beim
Auswählen oder Wiederauffinden der Aufgaben. Von den 110 Aufgaben lassen sich
(teilweise mehreren Fachgebieten) zuordnen: 43 geometrische Sachverhalte, 65
mehr algebraische/ arithmetische Probleme, 10 Fragen aus der Stochastik.
Für den auf Eigenständigkeit bedachten Leser sei noch die oben
angesprochene CD-ROM zu diesem Buch kurz beschrieben: Sie hält nicht nur die
Aufgabenblätter und Lösungstipps in ansprechenden PDF-Files bereit, sondern
auch als WORD-Dokumente, die dann individuell verändert oder umgestaltet werden
können. Auf den Nachfolger in Buch- oder CD-ROM- Form darf man gespannt sein.
Roland Gräf
|
|